Großzügigkeit 2: Aus eigener Tasche

Freundin Clementine, wohnhaft in Edinburgh, erzählte mir von einem Urlaub in Berlin vor zwei Jahren. Mit einer Freundin zog sie nacht durch die Diskos und lernte dabei einen großen, freundlichen Mann kennen, der sie unter seine Fittiche nahm und ihnen die angesagtesten Clubs der Hauptstadt zeigte. Er war höflich und äußerst großzügig. Erstens bestand er darauf, Clementines Handtasche zu tragen. Zweitens ließ er es nicht zu, daß die Mädchen irgendwelche Eintrittsgelder oder Getränkerechnungen übernahmen; er bestand darauf, alles für sie zu bezahlen.
Irgendwann hatten Clementine und ihre Freundin genug und wollten zurück ins Hostel. Der Mann ließ sie erst gehen, nachdem sie einen Abschiedsdrink zu sich genommen, ihn auf die Wange geküsst und dabei versprochen hatten, ihren neuen Freund nie zu vergessen. Sie verließen ihn, wie Clementine berichtet, mit einem seltsamen Gefühl, beinah ein wenig schuldbewußt, denn es war ihnen klar, daß der Mann sich wahrscheinlich mehr von seiner Investition versprochen hatte als einen Wangenkuß. Aber das war natürlich seine Sache – schließlich hatten sie nichts versprochen, im Gegenteil, er hatte ihnen seine Großzügigkeit regelrecht aufgedrängt.
Als sie aber vor dem S-Bahn-Automaten ihr Kleingeld zusammensuchten, wurden sie mit einer unangenehmen Feststellung konfrontiert. Ihr Geld war beinah alle. Der große Gönner hatte sie mit ihrem eigenen Geld ausgeführt, das er einfach aus der Handtasche genommen hatte.
Clementine erzählt, daß sie dem Mann nicht einmal richtig böse sein konnte. Er hatte so großen Spaß daran, sie auszuführen, meint sie, daß er es bestimmt auch getan hätte, wenn er das nötige Kleingeld selbst besessen hätte.
P.S.: Und die Moral von der Geschichte? Gibt es nicht. Wenn es eine geben sollte, könnte man den Vergleich machen mit dem Staat, der den Bürgern das Geld erst nimmt, einen Teil davon in die eigene Verwaltung schüttet und den Rest gönnerhaft wieder unters Volk wirft, von dem er davon eine gewisse Dankbarkeit zu erwarten scheint. Aber der Vergleich hinkt auf allen vier Beinen und deswegen wollen wir es erst gar nicht damit probieren.
Tags: Berlin, Clementine, Großzügigkeit, Mann
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