
“Ist ja ganz nett hier bei Ihnen im Sommerloch,” sagte ich zu meinem Nachbarn. “Aber langsam kriege ich kalte Füße. Der Boden ist so matschig.”
“Das ist Heilschlamm,” behauptete mein Nachbar. “Komm, bleib noch ein bißchen. Ich geb dir ein Sternburger aus.”
“Kalt oder Lauwarm?” fragte ich.
“Zimmertemperatur,” sagte er.
“Nein danke,” antwortete ich.
Freundin Fridoline erschien am Rande des Lochs und half mir hinaus.
“Komm,” sagte sie, “wir fahren mit dem Bus 134 ans Westufer der Havel und dann mit der Fähre über den Wannsee. Dafür braucht man bloß ein normales BVG-Ticket.”
“Tolle Sache,” sagte ich. “Wird gemacht.”
Den Bus 134 kann man beim Rathaus Spandau besteigen. Wenn man da mit der U7 hinfährt, wird man ganz glücklich von der Pracht, die einem aus den verschiedenen U-Bahn-Stationen entgegenleuchtet. Na gut – dreckig, alt und niedrig mögen sie zwar sein – aber jede Station sieht anders aus, die eine nüchtern und dunkel, die andere märchenhaft bunt, und der U-Bahnhof Spandau mit seinen weißen Säulen erfreut das Herz des Reisenden ganz besonders. Unverständlicherweise hatten die anwesenden Spandauer kein Auge für die Schönheit ihrer Umgebung. Sie standen alt und griesgrämig im strahlenden Sommerwetter und kauten verbittert an ihren Eistüten herum. Ob die Leute am U-Bahnhof Spandau immer so gucken, oder war gerade etwas besonders Schlimmes passiert? Das Alter an sich ist keine Entschuldigung für schlechte Laune, schließlich werden wir alle einmal alt, falls wir nicht vorher sterben. Hatte die Regierung etwa beschlossen, die Renten für ganz Spandau zu halbieren, oder hatte der Schachverein Spandau gerade eine schmähliche Niederlage gegen die Schachfreunde Moabit hinnehmen müssen?
Kurz darauf verstand ich. Die Spandauer waren nicht griesgrämig, sie waren zu Tode betrübt, denn der Tod ist ein oft gesehener Gast in Spandau. Jedenfalls hat er hier viele Adressen. Er kehrt ein bei einem der zahlreichen Bestattungsinstitute, die hier so dicht gesät sind wie im Prenzlauer Berg die Mutter-Kind-Cafés. Eines heißt gar der-billigbestatter.de und wirbt mit dem beruhigenden Slogan: “Ein geschmackvolles Begräbnis muß nicht teuer sein.” Toll, was man heute per Mausklick so alles bestellen kann! Ein Autohaus wenige Straßen weiter trifft den Nagel auf den Kopf mit einem Spruch, der in solch morbider Umgebung nur zweideutig aufgefasst werden kann, nämlich: “Sie legen die Füße hoch, wir erledigen den Rest.”
P.S.: “Spandau ist ganz anders, nämlich froh und lebenslustig!” schreibt mir Herr G., wohnhaft ebendort. Er fordert mich außerdem dazu auf, meine “unseligen Vorurteile zu begraben” und den “goldenen Rücken Spandaus” kennen zu lernen. Wird gemacht, Herr G.! Bitte erklären Sie mir, wo der goldene Rücken Spandaus liegt, und ich eile wie der Wind dorthin.








